Ein geschenkter Tag in Bregenz

Eine spontane Idee, ein kurzzeitig geplanter Trip führt mich für ein paar Stunden nach Bregenz.

Lange Gedankenketten während der Fahrt eilen mit dem Zugtempo auch in meinem Kopf, Zeilen wechseln wie die Bilder der Landschaft, die wir befahren. Enge weitet sich, dunkle, schroffe Gebirgsbilder ersetzen saftig grüne, sanft ansteigende Berghänge. Diese sind von der samtigen Weichheit und Lichtheit des Grases bedeckt. Vereinzelte Baumgruppen und wie Schleier erscheinende dunkelgrün schimmernde Waldabschnitte, zerstreute Steinformationen lassen den Blick genügsam über die Landschaft streifen. Kleine Scheunen, Unterstände aus längst verwittertem, noch immer lebendigem Holz deuten auf die durch menschliche Hand veredelte Natur. Überragend der Kontrast der steinernen Gipfel, die wie Zinnen über der lieblichen Landschaft thronen. Einblicke, dessen Ausdruck mein Herz berührt. Tief hängende Wolkendecken lassen die Sonnenstrahlen des abziehenden Sommers kaum spüren, kitzeln die Spitzen der Nadelbäume der umhergehenden Bergkulissen – und bilden eine besondere Lichtstimmung bei der Ankunft in Bregenz. Kindliche Neugier und Spannung begleiten mich. Freue mich ein Stadtgefühl zu leben, die Ausstellung im KUB zu besuchen, in verlangsamtem Tempo der Eile des Alltags zu trotzen und das ziellose Flanieren, den einen oder andern Kaffee zu trinken. Bewusst auf das Gesehene reflektieren, nachspüren.

Angekommen in einer Landeshauptstadt, in einer Provinzregion, atme ich die Luft, die einer Weltmetropole ähnlich ist. Spüre diesen unabhängigen Geist und ohne einen Stadtplan studiert zu haben, gehe ich getragen allein von meiner Intuition. Mit Leichtigkeit erreiche ich den Kornmarkt. Auffallend die sandfarbene Bodentextur, gleichzeitig mit der Wärme der zaghaft scheinenden Sonnenstrahlen wächst in die Höhe und leuchtet vor meinen Augen die strahlend weiße Fassade des Landesmuseums Vorarlberg – ein Architekturjuwel, unlängst eröffnet, jüngstes Werk des Vorarlberger Teams Cukrowicz Nachbaur Architekten. Vornehm, zurückhaltend und selbstbewusst tritt es in Erscheinung. Selbstverständlich im Platz eingebettet. Die Fassade beeindruckt – übersät mit den unzähligen „Blumen“ – poetische Elemente auf der kantig- glatten Betonoberfläche. Kann es nicht unterlassen durchs Café zu gehen, einen Raumeindruck an der Schwelle zu vernehmen, ein Gefühl des Raums im Inneren zu spüren. Die Bodentextur – eine Antwort auf den Außenraum – Sandfarbe setzt sich fort über die erdgleiche Ebene, die Wände mit einer Schattenfuge abgesetzt vom Boden, mit Unregelmäßigkeit und Lebendigkeit, die der Lehmputz erzeugt.

Absichtlich wähle ich den Seiteneingang übers Café um ins Gebäudeinnere zu gelangen, fast schleichend, als wäre ich bloß Gast…Immer und immer wieder fasziniert mich das Thema Schwelle in der Architektur – dieser fast magische Moment – in einem Übergang gerade aus dem grellen mit natürlichem Licht und Luft umgebenen Außen zu dem immer abgedunkelten und räumlich klar definierten Raum im Inneren gelangend. Dieser erster Eindruck ist die Atmosphäre, die wir fast körperlich vernehmen, die im Gebäude durch die Proportionen, durch die Oberflächengestaltung, durch die Lichtführung bedingt wird. Genau in diesem Moment erfassen wir für uns aus dem tiefsten Inneren, wie wohl wir uns in diesem fühlen.

Museumsarchitektur ist in dieser Hinsicht Architektur, die sofort präsent wird, denn die Hülle, in der Kunst oder Geschichte ausgestellt wird, kann zu Dramatik und einem Inszenierungsfeld werden, und somit kann auch das Empfinden gesteigert werden, um über den Wert der Inhalte, die im Inneren verborgen sind, zu akzentuieren. Starke Präsenz im Außenraum zu ruhiger Hintergrundarchitektur im Inneren. Mit meinen Gedanken fokussiere ich mich wieder auf den Raum, in dem ich mich gerade befinde und spüre, dass ich gerne da verweilen möchte. Beeindruckend im Inneren ist die Deckenkante, die einen Licht erfüllten Hohlraum markiert. Dieser Lichthof zieht mich magisch an, um das Raumvolumen zu erleben. Wie auf einer Bühne, fast ehrfürchtig ob es noch zulässig ist, sich dort aufzuhalten, betrete ich diesen sehr nah an der Wand. Der Luftraum, der sich mit jedem weiteren Schritt öffnet, kann staunend erfasst werden – fast skulptural erscheinen die Brüstungen der Galerien der darüber liegenden Geschosse. Fast intuitiv suche ich wieder die Geborgenheit der niedrig wirkenden Decke – es ist die gedämpfte Lichtstimmung in diesem Bereich, die angenehme Akustik und die schlichten drei Quader, die im Raum frei stehen, zwei niedrigere mit wenigen, mit Sorgfalt ausgewählten Büchern und der mittig ausgehöhlte und etwas höhere in dem Ticketverkauf und Information stattfinden. Ein fließender Raum in dem ich mich nun bewege. Ich frage mich, wie es sich im Winter anfühlen würde, sobald die Türen zugehen und dieser intime Seiteneingang versperrt bleibt, sobald die Tische vom Platz wegkommen und das Café dann eine Sackgasse, ein Raumabschluss wird, wie die Nutzung und Wirkung sich ändert, sobald Schnee auf der Verglasung des Lichthofes liegt und alles verträumter und leiser wird…

Bevor ich der Versuchung nachgebe, mich in die Geschichte Vorarlbergs und dessen sehr anregender Hülle zu begeben, gehe ich über die Schwelle, durch die breit geöffneten Türen hinaus und betrete den Platz – spüre die Brise, die mit den Blättern der vor mir wachsenden Bäume spielt, sehe die Leichtigkeit der Blattbewegungen am Zweig, zaghafte Sonnenstrahlen streicheln diese, die Stämme, eingebettet in
kreisförmige Schotterinseln, die sich nahtlos in die Platztextur fügen und gehe nun auf das Kunst Haus zu, ein Gebäude von Peter Zumthor konzipiert.

Vor Jahren war ich während einer Architekturexkursion schon einmal da. Es war ein unbeschreiblicher
Moment, dieses Gebäude zu durchwandern, das Erleben der Zusammenfügen von Dicke und Schwere des Betons, gegenüber der Leichtigkeit der transparenten Materialien, die Präzision der Oberflächenstruktur, die Übergänge von der Enge der Treppen, deren enorme Höhe ein Gefühl für Schwelle vermittelt und dem Eintauchen in die Ausstellungsräume – ein mächtiger Eindruck. Damals fragte ich mich wie sich der Übergang zwischen Tag und Nacht anfühlen würde… Es war ein sehr intensives Erlebnis, sehr emotional und neuralgisch berührend. Solche Räume prägen sich in unser Gedächtnis körperlich ein. Sie haben eine spirituelle Ebene, die einen beim Durchwandern fesselt.

Das Wiederankommen im Inneren, in der ruhigen, wohlproportionierten Erdgeschossebene, lässt mich für kurze Zeit verharren, das Ersehen und Erspüren des Raums über die Langsamkeit des Herantretens und die Aufnahme der Schwingungen. Architektur kann Trost sein, kann so ergreifend sein, wie gerade im Moment dieser halb leere Raum es schafft. Das Gefühl archaischer Schlichtheit erfüllt mich.

Meine Entdeckungsreise führt mich bewusst zu der Ausstellung Architekturmodelle von Peter Zumthor im KUB um mit seiner Arbeits- und Herangehensweise in Berührung zu kommen. Denn seine Worte und seine Bauten besitzen für mich eine tief menschliche Komponente, die in Einfachheit, Purismus und Zeitlosigkeit ihren Ausdruck findet.

Zwei simple Räume mit pragmatisch aufgestellten Regalen – die Modelle liegen sehr eng beieinander –wie im Büroalltag ohne spektakulär sein zu wollen. Spüre einen sehr persönlichen, fast intimen Einblick in das Schaffen dieses für mich so bedeutenden Architekten, ein fast Über-die-Schulterschauen durch die Präsenz der vielen Arbeitsmodelle und Studien. Bewusst wird mir beim Durchgehen und Schauen die Unermüdlichkeit und die intensive Auseinandersetzung mit den Aufgaben, die diese außergewöhnliche
Qualität charakterisieren. Die vielen, feinen Schritte, das experimentelle Spiel mit Material und Oberflächenstruktur bei den Grundrissentwicklungen, die den Raum immer besser präzisieren. Beeindruckend einfach sind die Arbeitsmodelle, ihr Ziel, bloß den Raum zu erfassen im Gebauten und im
Freien, sei es in der Natur oder im Stadtgefüge. Sehr gut dokumentierte Zwischenschritte, die ein gelungenes Bauwerk ausmachen, die logische Entwicklung einer Idee, die nachvollziehbar wächst und dabei immer konkreter wird.

Die Unmöglichkeit im Raum zu fotografieren erlaubt mir eine ganz andere Art des Schauens, ohne der
vorgesetzten Linse, zwischen Objekt und mir, frei und offen. Viele vertraute Projekte betrachte ich mit
Neugierde und mache mir Handskizzen um dieses oder jenes festhalten zu können. Eine gewisse Enttäuschung über die Unmöglichkeit, die weiter oben liegenden Modelle genauer zu anzusehen, schleicht sich ein, wie die Materialstudien für das Kolumba Museum in Köln – breite Maschen gewoben aus Ziegelmauerwerk mit Lücken, die eine lebendige, verspielte Oberfläche bilden.

Die Modelle wechseln den Maßstab mit jeder weiteren Annäherung, immer konkreter wird der Raum
formuliert, bis diese dann im besten Fall den Maßstab 1:1 erreichen und den Ort bereichern. Erkenne, wie
Qualität reift. Nicht durch einen genialen spontanen Einfall. Viel eher ist es ein Prozess, eine Suche nach
etwas, das nur an diesem Ort, mit spezifischen Materialien, die mit dem Ort verwurzelt sind, und den
besonderen Anforderungen zu tun hat, die sich zu einem Gefüge zusammensetzen. Tiefes Gefühl und
emotionale Verbundenheit sind die Würze dazu.

Diese Modelle sind nicht auf Sinnestäuschung aus, wie viele hochglanzpolierte Visualisierungen in heutigen Architekturmagazinen. Sie vermitteln genau das, worauf es in unserem Beruf letztendlich ankommt. Nicht bloß Hülle darzustellen, die sich selbst inszeniert und beeindrucken will, sondern Inhalte zu zeigen, die in Raum gefasst sind und Funktionsabläufe deutlich machen, die selbstverständlich sind und die Atmosphäre schaffen, die emotional berührt.

Voll motiviert von der Modellsammlung, die die Ausdauer und das stetige Hinterfragen und Feilen an der
Idee bis zur Perfektion sichtbar werden lassen, weiß ich, dass ich für den Tag genug gesehen habe. Ich
genieße nun die Nachwirkungen des Gesehenen.

Die restliche Zeit bis zu der Rückfahrt ist mit bloßem Flanieren besetzt, um kurz noch den Rhythmus der
Stadt zu spüren, den Geruch der Frische des Sees der mich magisch anzieht, den Geschmack der kräftigen, bitteren und sehr anregenden schwarzen Espressi, die Beobachtung der Menschen, die das Privileg haben, hier zu wohnen und zu arbeiten oder jener, mir ähnlicher, die angezogen von Neugier ihren Urlaub hier verbringen. Ich merke, wie ich einen Augenblick lang in der Zeit verharre und diesen gern festhalten möchte für die Zeit, wenn die Realität meines Architektendaseins mich einholt, dann will ich mich an diesen Tag erinnern und Kraft und Motivation daraus schöpfen.

August 2013